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Blau zur Beruhigung
 

Blau zur Beruhigung

 
~ Stadtmagazin Oberursel vom 30.11.2009 ~

Waldorfschulen erfreuen sich, wie andere private und halböffentliche Schulen auch, immer größerer Beliebtheit. Die Chance, ihren Kindern überfüllte Klassen, unmotivierte Lehrer und gewalttätige Mitschüler zu ersparen, lassen sich viele Eltern gern etwas kosten. Doch worin unterscheiden Waldorfschulen sich genau von staatlichen Schulen? Wir haben an der Freien Waldorfschule Vordertaunus (FWS) nachgefragt...

Schüler im Werkunterricht, Schulgebäude, selbstgebackene Pizza

Als erstes fällt auf: Die Architektur des Schulgebäudes im Eichwäldchenweg hebt sich von ihrer Umgebung deutlich ab. Und nicht nur das. Die Frankfurtert Waldorfschule sieht vollkommen anders aus. Claudia Heinbach vom Öffentlichkeitsarbeitskreis der FWS erklärt: »Jede Waldorfschule fußt auf einem eigenen Schulverein, der sich aus den Lehrern und den Eltern der Schüler zusammensetzt. Somit ist jede Schule ein individuelles Gebilde, was sich natürlich auch an der Architektur zeigt.«

Gemeinsam ist den rund 250 deutschen Waldorfschulen, dass sie nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik arbeiten. Und die hält einige Einsichten bereit, mit denen sich auseinanderzusetzen auch staatlichen Schulen gut anstünde. Los geht es bei der Gestaltung der Räume. Wo in herkömmlichen Schulen meist bunte Kinderzeichnungen die trostlos graue Inneneinrichtung kaschieren müssen, tritt man im Eichwäldchenweg in ein großzügiges Foyer mit farbig gestrichenen Wänden. Das Farbkonzept, erläutert Claudia Heinbach, sei auf die Lebensphasen der Schüler abgestimmt. »Die Eingangsklassen sind in Alt-Rosa gehalten, weil wir den Erstklässlern Geborgenheit vermitteln wollen.« In höheren Klassen sind die Wände zunächst gelb, dann grün und zuletzt, ungefähr abgestimmt auf den Beginn der Pubertät, blau. »Das soll in diesem aufwühlenden Lebensabschnitt beruhigend wirken. Die Schüler mögen es.« Wie die Farbgebung der Räume, orientiert sich Heinbach zufolge auch der gesamte Lehrplan an den Erziehungsphasen der Schüler.

Stabile Beziehungen
Rund 300 Schüler in 13 Klassenstufen werden in dem 2002 eingeweihten Schulgebäude der FWS, an die auch ein Hort angegliedert ist, unterrichtet. Das Kollegium besteht aus 33 Lehrer – in der Regel staatlich diplomierte Pädagogen, die zusätzlich eine Waldorflehrerausbildung absolviert haben. Die Klassenverbände von höchstens 28 Schülern bleiben die gesamte Schulzeit über bestehen. Dies soll den Zusammenhalt der Kinder fördern und stabile Freundschaften begünstigen. Einzig in bestimmten Fächern, wie Musik oder Handarbeiten, werden die Klassen halbiert. Auch der Klassenlehrer, der den morgendlichen, epochalen ›Hauptunterricht‹ erteilt, bleibt in den ersten acht Jahren derselbe.

Gute Abiturnoten
Während ein Teil der Kinder die Schule nach der neunten oder zehnten Klasse verlässt, legen rund 30% der Schüler die Abiturprüfung ab. Obwohl der Unterricht an der FWS sich wesentlich anders gestaltet als an staatlichen Schulen, liegen die Abiturnoten Claudia Heinbach zufolge etwas über dem Landesdurchschnitt. Aus der Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Oberursel wisse man außerdem, dass der Kenntnisstand der FWS-Schüler nach der vierten Klasse identisch mit dem von Regelschulkindern sei.

Eine Feststellung, die Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen soll. Denn ebenso hartnäckig wie der Vorwurf der ›Exklusivität‹ hält sich das Vorurteil, Waldorfschulen gingen zu lax mit ihren Zöglingen um, bereiteten diese unzulänglich auf die ›Leistungsgesellschaft‹ jenseits der Schulmauern vor. Möglicherweise ein Missverständnis, denn entsprechend ihrer eigenen Pädagogik setzen Waldorfschulen auch hinsichtlich der Werte, die sie ihren Schülern vermitteln möchten, eigene Prioritäten.

Engagierte Eltern
So verfolgt die FWS ein pädagogisches Konzept, wonach Schülern »gleichermaßen intellektuelle, kreative, künstlerische, praktische und soziale Kompetenzen« vermittelt werden sollen. Dieser Ansatz wäre, sofern überhaupt gewünscht, an vielen staatliche Schulen nicht umsetzbar. Hier kommt der Schule, die zu 75% staatlich finanziert wird, nicht zuletzt der Umstand zugute, dass die Elternschaft, die nicht nur einen einkommensabhängigen Beitrag erbringen muss, sondern auch zu jährlich 10 Arbeitsstunden pro Elternteil herangezogen wird, in der Regel interessiert und engagiert ist.

Der klassische Fächerkanon wird an der FWS durch Musik, Eurythmie, künstlerisches und handwerkliches Gestalten und Gartenbau (im schuleigenen Garten) erweitert. Bereits ab der ersten Klasse werden Englisch und Russisch unterrichtet. Ab der elften Klasse kann Französisch als dritte Fremdsprache gewählt werden. Ebenfalls von der ersten Klasse an studieren die Kinder Theaterstücke ein, die den Eltern oder der Schulgemeinschaft vorgetragen werden.

Im Spannungsfeld zwischen klaren Konzepten und Wertvorstellungen einerseits und einer pluralistischen Gesellschaft, deren Flexibilität oft in Orientierungslosigkeit umschlägt, gleicht die FWS – mehr als andere Schulen – einem schützenden Raum. Nicht die schlechteste Eigenschaft, die eine Schule haben kann.